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Travertin – Cannstatter Gold

unter diesen Titel stand die Veranstaltung am 25.01.2018 der NaturFreunde Radgruppe Stuttgart im Neuen Rathaus in Bad Cannstatt. Peter Pipiorke spannte seinen Vortrag von der Entstehung des Travertins bis zu der Diskussion um den sogenannten „Recyclingpark“, in dem Giftmüll im Heilquellenschutzgebiet verarbeitet werden soll.

Ohne Mineralwasser kein Travertin
In Stuttgart treten täglich unvorstellbare 44 Mill. Liter Mineralwasser an die Oberfläche. Verständlicher, aber genauso beeindruckend, ist die Angabe von 500 Liter pro Sekunde. Damit hat Stuttgart bekanntlich das größte Mineralwasservorkommen Westeuropas. Mit diesem Mineralwasser treten täglich 60t Mineralsalze (3 Güterwagen!) zu Tage. Daraus bildete sich in den Warmzeiten des Eiszeitalters und in der Nacheiszeit der bis zu 500.000 Jahre alte Travertin. Dieser Prozess ist klimabedingt zum Erliegen gekommen.

Fenster in die Urzeit
Das Neckartal war bereits in der Frühzeit ein Siedlungsraum von Mensch und Tier. Der sich bildende Travertin umschloss die Hinterlassenschaften. Ob Faustkeile, Scherben, Pflanzen- oder Tierreste, der Travertin konservierte alles für die Nachwelt. Bei Bauarbeiten traten diese Hinterlassenschaften wieder ans Tageslicht. Die Palette von Tierresten reicht von zahlreichen Fischen – Hecht, Rotauge, Döbel, Karpfen, Flussbarsch, Rotfeder, Ukelei, Schlei – über Tiere wie Schildkröten, Wollnashorn, Mammut, Edelhirsch, Riesenhirsch, Wildrind, Wildpferd, Höhlenhyäne, Höhlenbär usw.. Damit stellen diese von Travertin eingeschlossenen Überreste ein weitgeöffnetes Fenster in die Urzeit dar.

Travertin-Steinbrüche und Verarbeitung
Alemannen und Römer nutzten bereits den Travertin im Cannstatter Raum. Anfang des 18. Jhdt. begann der Abbau des Travertins, insbesondere als Material für Weinbergmauern. Mitte 19. Jhdt. begann dann der massive Abbau in rund einem Dutzend Steinbrüche. Am bekanntesten sind heute noch – auch im Zusammenhang mit dem Travertinpark, die Steinbrüche Schauffele, Haas und insbesondere Lauster. Wobei letzterer der unangefochtene Platzhirsch ist. Lauster trieb konsequent die Technisierung dieser Knochenarbeit voran. Beim Abbau wie bei der Verarbeitung führte er die industrielle Verarbeitung ein.
Seinen Höhepunkt erlebte der Abbau ab den 1920er Jahren bis 1945, bzw. abklingend bis in die 1980er Jahre.

Bauten aus Travertin
Entsprechend zahlreich sind die Bauten aus Cannstatter Travertin, sogar weltweit, die mitunter von berühmten Architekten wie Erich Mendelsohn geplant wurden. So das Kaufhaus Petersdorf in Breslau (Erich Mendelsohn), die Fassade der Banco popular argentina in Buenos Aires, Argentinien oder das Denkmal Willem III. in Breda, Niederlande. Natürlich fand der Travertin auch eine deutschlandweite Verbreitung. Unübersehbar ist die Schar der Bauten in der Region, in Anlehnung an ein Grußwort von OB Klett an Adolf Lauster: „ Diese Steine begleiten uns unser ganzes Leben vom Taufstein bis zum Grabstein“. So der Mittnachtbau, das Hotel Zeppelin oder die Neue Staatsgalerie als größere Bauten. Weiterhin zahlreiche Brunnen (Erbsenbrunnen) wie auch Wohnhäuser schließen den Kreis.

Travertinpark
Nachdem die Politik in den 1980er Jahren es bewusst oder unbewusst verschlafen hat, das das mittlerweile denkmalgeschützte Gelände Lauster zu erwerben, hat sie begonnen einen Travertinpark zu errichten. Bestehend aus den Steinbrüchen Schauffele und Haas, sowie dem Steinbruch Lauster, wobei letzterer nicht zugänglich ist, weil er in Besitz von Recyclingfirmen ist. So schön auch die aufgestellten Maschinen sowie der Steinbruch Haas sein mögen, es fehlt das Kernstück, nämlich der Steinbruch Lauster zusammen mit seinen Bauwerken. Dies zusammen stellt ein kulturelles und industrielles Denkmal ohnegleichen dar. Zu schade, um dort auch nur in Teilen (Gift)Müll zu verarbeiten.

Laustergelände heute
Um es gleich klar vorauszuschicken: Oberstes Ziel muss eine Müllvermeidung sein und ein Müllexport ins Ausland (3. Welt) ist tabu!
Weiterhin ist eine sinnvolle und sorgfältige (Gift)Müllbehandlung oberstes Gebot. Sicherlich muss dies irgendwo geschehen. Doch wozu wurde ein Heilquellenschutzgebiet deklariert, in dem zum Schutz der Mineralquellen Auflagen erlassen wurden, wenn ausgerechnet hier (Gift)Müll verarbeitet werden soll?
Hinzu kommt die verkehrliche Belastung von bis zu 2000 LKW-Fahrten täglich. Der Betreiber versucht dies schön zu reden, in dem er Hin- und Rückfahrt als eine Fahrt rechnet und behauptet, es werden nicht mehr als 100 Fahrten pro Tag. Doch was geschieht, wenn eben dieser Betreiber einen lukrativen Auftrag erhält oder aus Konkurrenzgründen oder zur Sicherung der Arbeitsplätze die dann genehmigten 2000 Fahrten voll ausschöpft? Auch ein möglicher Weiterkauf an einen neuen Betreiber ist ja nicht ausgeschlossen. Die Anwohner erhalten vor keinem Gericht Recht, wenn sie dann die warmen Worte der jetzigen Betreiber über nur 100 Fahrten einklagen wollen.

Für Giftmüll zu schade
Ganz abgesehen davon, ist dieses Gelände für die Giftmüllverarbeitung viel zu schade! Es ist ein Naturdenkmal ersten Ranges, das einen Blick in die Vergangenheit ermöglicht. Eine vergleichbare Nutzung wie die Grube Messel bei Darmstadt, wäre durchaus überlegenswert. So ließen sich die unter Denkmalschutz stehenden Bauten in einer Mischung aus Museum und Kunstakademie nutzen. In den 1970er arbeiteten hier bereits Künstler, unter anderem auch Otto Herbert Hajek.

Aus der Veranstaltung heraus, hat sich ein Kreis gebildet, der sich mit der Geschichte des Cannstatter Goldes weiter beschäftigen will und wird. Infos bei Peter@Pipiorke.de.

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Bündnis Bildungszeit für Baden-Württemberg

Mit dem Bildungszeitgesetz Baden-Württemberg wurden 2015 die Voraussetzungen dafür geschaffen, die berufliche und politische Weiterbildung sowie die Qualifizierung für das Ehrenamt weiter zu entwickeln, zu fördern und auszubauen. Bildungszeit ermöglicht es Beschäftigten, sich qualifiziert am gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und beruflichen Leben zu beteiligen. Die Auswahl von Bildungszeitmaßnahmen trifft dabei allein der Beschäftigte. Der Gesetzgeber hat damit auf den demografischen Wandel, den wachsenden Fachkräftebedarf der Wirtschaft, die beschleunigten Innovationszyklen, den Strukturwandel in der Arbeitswelt sowie die steigenden Anforderungen an das ehrenamtliche Engagement reagiert und ist zugleich der internationalen Verpflichtung nachgekommen, die Übereinkunft Nr. 140 der International-Labour-Organisation in Landesrecht umzusetzen.
Das Bündnis und seine Verbände werben daher aktiv bei den Beschäftigten, die Möglichkeiten der Bildungszeit zu nutzen und haben entsprechende Bildungsangebote entwickelt.

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